Habichtskauz Wiederansiedlung in Österreich
Dr. R. Zink* & Dr. Hans Frey

1. Einleitung
Die Ausweisung von Schutzgebieten und die sukzessive Umstellung auf nachhaltige Waldbewirtschaftung verbesserten die Lebensbedingungen für den Habichtskauz in Österreich. Auf dieser Basis wurde die Wiederansiedlung durch eine internationale Expertengruppe im Herbst 2006 begrüßt. Die Auswahl der österreichischen Freilassungsstandorte fiel auf die Schutzgebiete „Biosphärenpark Wienerwald“ und „Wildnisgebiet Dürrenstein“ die aufgrund ökologisch besonders wertvoller Waldbestände den Neuankömmlingen optimale Überlebensbedingungen bieten (Steiner 2007, Zink 2007).
Ziel der Habichtskauz-Wiederansiedlung ist es die große Eule in die Wälder Österreichs wieder heimisch zu machen. Durch ein neuerliches Vorkommen in den Alpen entsteht eine essentielle Verbindung zwischen den Populationen südlich (Slowenien, Italien) und nördlich (Deutschland, Tschechische Republik) der Alpenrepublik. Einzelne, zwischen diesen Vorkommen wandernde Eulen, sollen zukünftig den Genfluss innerhalb der europäischen Metapopulation ermöglichen und dadurch das Überleben der seltenen Großeule in Mitteleuropa sichern.
Das Projekt orientiert sich methodisch an der erfolgreichen Wiederansiedlung die seit den 70er Jahren im Nationalpark Bayrischen Wald (D) stattfand (Scherzinger 2006).

Abbildung 1: Adulter Habichtskauz
Abbildung 2: Jungvogel

2. Methoden & Ergebnisse

2.1 Netzwerk für die Nachzucht
Bei der Zucht legen wir großen Wert darauf Tiere aus Europa zu verwenden. Wie eine Studie zeigte sind im genetischen Material keine markanten Unterschiede zwischen Vögeln aus Finnland und Slowenien feststellbar (Hausknecht & Kühn 2008). Das Zuchtnetzwerk bestand Anfang 2009 aus insgesamt 20 geschlechtsreifen Paaren. Davon entfallen auf die wissenschaftlich geführten Zoos 4 Paare welche insgesamt 11 Junge erbrüteten, auf die Eulen- und Greifvogelstation Haringsee 9 Paare mit 8 Jungen und auf sonstige Stationen und private Halter 7 Paare mit insgesamt 4 Jungevögeln (vgl. Abbildung 3).


Abbildung 3: Gegenüberstellung des Nachzuchterfolgs in Abhängigkeit des Haltungs-Standortes.

Die genaue Darstellung der Reproduktionsergebnisse ist Tabelle 1 zu entnehmen. In der Reproduktionssaison 2009 kamen in Österreich insgesamt 25 Jungtiere auf die Welt.


Abbildung 4: Verteilung der Zuchtpaare (rot) und Herkunft nicht verwandter Zugänge (hell blau) im Jahr 2009.


Tabelle 1: Habichtskauz-Zuchtnetzwerk 2009

Typ
Besitzer
Anzahl Paare
Anzahl Junge
OZO
Alpenzoo
1
3
OZO
Schönbrunn
2
2
OZO
Zoo Salzburg
1
6
Zuchtstation
EGS
9
8
sonstige
MA 42
1
2
sonstige
OAW
1
2
sonstige
St. Pölten
1
0
sonstige
Steiermark
2
0
sonstige
Wien
2
2
Summe
20
25

2.2 Geschlechterverhältnis freigelassener Käuze
Während das Geschlechterverhältnis freigelassener Eulen im Biosphärenpark Wienerwald relativ ausgeglichen war, konnte das Verhältnis zu Gunsten von Weibchen im Wildnisgebiet am Dürrenstein im ersten Jahr noch nicht ausgeglichen werden. Grund dafür war einerseits verzögerte Probennahme der Vogelbesitzer und andererseits Fehlbestimmungen bei der genetischen Analyse.

Tabelle 2: Geschlechterverhältnis freigelassener Käuze im Jahr 2009

Männchen
Weibchen
Biosphärenpark Wienerwald
7
6
WildnisgebietDürrenstein
2
7
Summe
9
13

Bei Berücksichtigung aller gegen Jahresende 2009 nachweisbarer Vögel bleibt das Missverhältnis unverändert. Allerdings ist die Individuenzahl derzeit ohnedies noch so gering, dass es in den kommenden Jahren schon rein zufällig zu einem Ausgleich kommen wird.

Tabelle 3: Geschlechterverhältnis der zu Jahresende 2009 nachweisbaren Käuze

Männchen
Weibchen
Biosphärenpark Wienerwald
3
2
WildnisgebietDürrenstein
0
3
Summe
3
5

2.3 Analyse der Nahrungsverfügbarkeit

In der Literatur wird die Buche in der submontanen und montanen Höhenzone oft als wesentlichste Determinate für das Vorkommen von Habichtskäuzen genannt. Ihre Fähigkeit zu massiger Samenschüttung beeinflußt die Abundanz diverser Kleinsäuger in diesen Bereichen maßgeblich.

Während die Buche im Wildnisgebiet (Meßstation Lunz) im Jahr 2009 ein relativ hohes Maß erreichte, schnitt die Samenproduktion der Buche im Biosphärenpark (Meßstation Maria Brunn) unterdurchschnittlich ab.
Im Jahr 2009 fruktifizierte die Eiche in beiden Freilassungsgebieten überdurchschnittlich gut. Während sich das im Biosphärenpark durchaus positiv auf die Kleinsäuger Zusammensetzung auswirken dürfte, ist die Flächendeckung der Eiche im Wildnisgebiet sehr gering und die Effekte der Eichenmast auf Kleinsäuger daher beinahe vernachlässigbar.



Abbildung 5: Baummast bei Buche und Eiche in den beiden Freilassungsgebieten als Prozent des Maximalwertes jedes Standorts im Zeitraum der letzten 25 Jahre. Quelle BFW, R. Lutschinger
.

Interessanter Weise liegen dem Institut für Jagdwirtschaft und Jagdkunde (unpubl. data) Daten vor die im Wildnisgebiet einen Zusammenbruch der Kleinsäugerpopulation im Sommer 2009 aufzeigen. Daraus läßt sich schlußfolgern, dass die Nahrungssituation im ersten Lebensjahr der 2009 frei gelassenen Käuze sowohl im Wienerwald als auch im Wildnisgebiet unterdurchschnittlich war. Das erklärt vermutlich einige kurz nach dem Ausfliegen.

2.4 Öffentlichkeitsarbeit: Strategie zur Akzeptanzsicherung

Um den Projektbeginn (2008) gab es insgesamt 16 x gezielte Berichterstattungen in diversen Printmedien. So schrieben beispielsweise die Tageszeitungen NÖN, Krone, Heute, Standard und die Salzburger Nachrichten über das Projekt. Im Jahr 2009 konnte die Medienpräsenz weiter gesteigert werden. Insgesamt lagen bis Jahresende 39 Beiträge in Printmedien vor.
Auch im Radio und Fernsehen gab es einige bemerkenswerte Beiträge: So wurde im Jahr 2008 auf Radio Niederösterreich, in den Nachrichten auf Krone-Hit sowie auf Ö1 in der Rubrik „Wissen Aktuell“ berichtet. Im Jahr 2009 wurden Beiträge bis zu einer halben Stunde auf Radio Niederösterreich, Radio Wien und auf Ö1 (Dimensionen) ausgestrahlt. Im Fernsehen war das Projekt im Jahr 2009 insgesamt sogar 7 x vertreten.
Darüber hinaus gestaltete das Habichtskauz-Team im Jahr 2009 eine Eulenausstellung mit klarem Projektschwerpunkt. Am Veranstaltungsort sprach man von 300.000 Besuchern im Jahr. Im Jahr 2010 kann die Ausstellung als Wanderausstellung eingesetzt werden. Zahlreiche Informationsveranstaltungen (z.B. Artenschutztagen im Tiergarten Schönbrunn und Tag der Artenvielfalt in Pfaffstätten) rundeten unsere Öffentlichkeitsarbeit ab. Die Öffentlichkeitsarbeit gipfelte im ersten Jahr in zwei Presseveranstaltungen. Zum einen wurde die „Taufe“ der kleinen Habichtskäuze mit den Kooperationspartnern und zahlreichen Journalisten im Kaiser-Pavillon in Schönbrunn zelebriert, zum anderen gab es eine Feier zur Freilassung im Wildnisgebiet Dürrenstein unter Beisein von Hr. Naturschutz-LR Dr. Stephan Pernkopf.Die einzelnen Beiträge stehen auf der Projekthomepage zum Download unter www.habichtskauz.at zur Verfügung.


Abbildung 6: Presseveranstaltung „Habichtskauz-Taufe“ im Kaiser-Pavillon in Schönbrunn

2.5 Die Freilassung

22 Jungvögel konnten in den beiden Regionen Wienerwald (n=13) und Wildnisgebiet Dürrenstein (n=9) freigelassen werden. Vor der Freilassung wurden die Tiere in eigens für die Wiederansiedlung errichtete Volieren zur Eingewöhnung gebracht. Rund ein Monat hatten die Eulen Zeit um sich einzugewöhnen und ihr neues Umfeld visuell und akustisch kennen zu lernen. Dann wurden sie jeweils in den Abendstunden nach und nach freigelassen (vgl. Abbildung 7).


Abbildung 7: Freilassungsvoliere im Biosphärenpark (Foto R.Zink)

2.5.1 Beringung

Für die Beringung der Habichtskäuze wurden Spezialringe angefertigt. Die hohen Anforderungen an Haltbarkeit, minimalem Gewicht und der Integration eines Mikrochips (zwecks späterer Wiedererkennung der Vögel an high-tech Nistkästen) konnten nur durch Anfertigung im Druckspritzgussverfahren umgesetzt werden. Nach langwieriger Konzeption, Erwirkung von Patentrechten und in enger Kooperation mit der deutschen Vogelwarte Radolfzell entstanden in zweijähriger Arbeit hochqualitative Farbringe. Die Ringe haben einen Innendurchmesser von 16mm und können zukünftig auch für andere Vogelarten z.B. Raufußhühner, Schwarzstorch, Bussarde, Habichte etc. eingesetzt werden. Die Mirkochips werden in zwei Ausnehmungen integriert.

2.6 Erfolgskontrolle durch Telemetrie

Fünfzehn der freigelassenen Käuze wurden mit Sendern ausgestattet und ihre Position bzw. ihr Verhalten täglich kontrolliert. Die erhobenen Daten geben uns wertvollen Aufschluss über die Lebensraumansprüche und über die Abwanderung der Tiere im ersten Lebensjahr. Zwischenzeitlich haben sich die freigelassenen Eulen bis zu 25km vom Freilassungsplatz entfernt. Im Herbst waren sie auf der Suche nach geeigneten Wintereinständen. Wegen der ausgebliebenen Buchenmast sind gerade im Jahr 2009 die Kleinsäuger-Populationen auf ein Minimum des vorjährigen Bestandes zusammengebrochen. Dadurch gab es unter den unerfahrenen Jungvögeln bereits nach wenigen Wochen Ausfälle (6 (67%) im WGD und 2 (33%) im BPWW). Jene Vögel die bis zum Winter überlebten scheinen sehr vital zu sein. Bis zur Berichtlegung Ende Januar 2010 gab es trotz erheblicher Schneemengen und Temperaturen bis -20 Grad keine weiteren Ausfälle. Die genaue Überlebensrate lässt sich nicht eruieren zumal nur 15 (68%) der 22 freigelassenen Vögel besendert wurden. Die Sterblichkeit liegt zwischen 41% und (bei der unwahrscheinlichen Annahme, dass alle Käuze ohne Sender verendet sind) 73%. Im internationalen Vergleich sprechen diese Zahlen eher für überdurchschnittliche Überlebensraten zumal die Werte im langjährigen Mittel einer finnischen Studie bei 63% (32-83%) liegen (Saurola 2009).


Abbildung 8: Aufenthaltsorte von Habichtskauz „Strixi“ (Dürrenstein) im Jahr 2009


Abbildung 9: Aufenthaltsorte von Habichtskauz „Fiwi“ (Wienerwald) im Jahr 2009


Abbildung 10: Erfolgskontrolle im Jahr 2009 freigelassener Habichtskäuze bis Mitte Februar 2010

2.7 Nistkästen
Seit Herbst 2008 wurden in den beiden Untersuchungsgebieten insgesamt 34 Nisthilfen montiert (9 im Wildnisgebiet und 25 im Biosphärenpark). Sie dienen in Zukunft zur Kontrolle brütender Paare und als Überbrückungshilfe in Wirtschaftswäldern bis es wieder genügend Altholzzellen mit natürlichen Baumhöhlen gibt. Da die Nisthilfen auch vom Waldkauz angenommen werden, bieten sich hervorragende Möglichkeiten diese Geschwisterart parallel zu studieren.

3. Diskussion und Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich von einem erfolgreichen ersten Projektjahr berichten. Trotz widriger Lebensumstände (Zusammenbruch der Nahrungsbasis, ungewöhnlich harter Winter) haben die freigelassenen Habichtskäuze gut Fuß fassen können. Im Jahr 2010 sind weitere Freilassungen geplant, sodass es in Folge zu den ersten Verpaarungen kommen sollte. Wiederansiedlungsprojekte brauchen Zeit – Zeit bis genügend selbständige Tiere überleben um einen neuen Bestand aufzubauen. Nach den Erfahrungen aus Deutschland (Scherzinger 2006) werden wohl ein bis zwei Jahrzehnte vergehen bis sich einen Habichtskauz-Population neuerlich etablieren kann. Die erste Zwischenbilanz hat gezeigt, dass die Art am Alpennordrand geeignete Lebensräume für Nahrungserwerb und Überwinterung vorfindet. Entscheiden für den langfristigen Erfolg der Wiederansiedlung wird letztlich die Akzeptanz der Eule durch die Jägerschaft und die Unterbindung widerrechtliche Abschüsse sein.

4. Literatur
Kühn, R. (2008): Molecular genetic differentiation of European Ural owl (Strix uralensis) population. Final Report, Center of Life and Food Sciences Weihenstephan, Germany.
Saurola, P. 2009: Bad news and good news: population changes of Finnish owls during 1982–2007, Ardea 97(4).
Scherzinger, W. 2006: Die Wiederbegründung des Habichtskauz-Vorkommens Strix uralensis im Böhmerwald, Ornithologischer Anzeiger 45, 2-3, P 97-156.
Steiner, H. 2007: Bewertung der Lebensräume im Wildnisgebiet Dürrenstein sowie im Natura 2000-Gebiet Ötscher-Dürrenstein im Hinblick auf ihre Tauglichkeit für die Wiederansiedlung des Habichtskauzes (Strix uralensis). Im Auftrag der Wildnisgebietsverwaltung Dürrenstein, pp.29.
Zink, R. 2007: Machbarkeitsstudie " Habichtskauz-Wiederansiedlung im Biosphärenpark Wienerwald". Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien, pp.60.

Kontakt
*Dr. Richard Zink
Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie
Savoyenstrasse 1, A-1160 Wien
Kontakt: habichtskauz@aon.at - weitere Information: www.habichtskauz.at