Der Sonnentau-ein raffinierter Fallensteller im Moor
Seit ich deinen Namen kenne,
Blümchen, lieb ich dich!

Fernöstliche Weisheit

Unter den wenigen Blütenpflanzen, die wir auf Moorflächen antreffen, entdecken wir Arten, die ihr Leben ganz besonders auf diese Standorte angepasst haben. Unter diesen Pflanzen wachsen in unseren Mooren drei Sonnentauarten: Drosera rotundifolia L. - Rundblättriger Sonnentau, Drosera intermedia Hayne - Mittlerer Sonnentau und Drosera anglica Huds. - Langblättriger Sonnentau, volkstümlich als „ Fleischfressende Pflanzen“ bezeichnet. In der Biologie spricht man auch von Karnivoren (= Fleischfresser; lat. carnis = Fleisch). Präziser ausgedrückt müßte man sie als Insektivoren oder Insektenfänger bezeichnen.

Nicht nur bei naturinteressierten Menschen , sondern auch bei weniger Naturbegeisterten erwecken diese „Fleischfresser“ das Interesse von bei Wanderungen durch die Moorlandschaft. Die zierlichen Rosetten des Sonnentaus mit ihren blutrot schimmernden Blättern fallen nicht sofort auf, sondern man muss schon genauer hinschauen, um die im braunroten Torfboden oder im rötlich überzogenen Torfmoos getarnten Pflanzen zu entdecken. An einem drückend heißen Sommernachmittag schwirren und tanzen Stechmücken und Insekten aller Art und belästigen den Wanderer im Moor so stark, dass er sich dieser Plagegeister kaum erwehren kann. Das ist die Zeit, in der diese kleinen zarten Pflänzchen mit ihren im Gegenlicht leuchtenden „Tautropfen“ in voller Pracht erstrahlen.

Habitus, Wachstum und Standort der Drosera Arten
Drosera rotundifolia (Rundblättriger Sonnentau)

besiedelt vor allem in Silikatgebieten die meist stark sauren Sphagnumpolster der Hochmoore aus den Sektionen Acutifolia oder Palustria (Abb. 1).

Rundblättriger Sonnentau: versteckt im Torfmoospolster von Sphagnum papillosum, umrankt von der Moosbeere (Oxycoccus palustris); ein typischer Standort.

Der Stockwerkwuchs gestattet es selbst einem so zarten Pflänzchen wie dem Rundblättrigen Sonnentau, mit dem Torfmoos um die Wette zu wachsen. Mit einer sich ständig verlängernden Achse bildet er auf der jeweiligen Oberfläche der Sphagnumdecke immer neue Blattrosetten aus. Im Herbst sterben diese ab und ihre Reste verschwinden unter den weiterwachsenden Torfmoosen (Abb. 2).

Der Rundblättrige Sonnentau und sein Zuwachs im Moor.

Erst im nächsten Frühjahr entwickeln sich neue Sprosse, die schnell durch die Sphagnumdecke hindurchwachsen und dabei mit vereinzelt stehenden Blättern besetzt sind, bis sie die Oberfläche erreicht haben und hier neue Blattrosetten bilden (Abb. 3).

Habitus der Pflanze des Rundblättrigen Sonnentaus: Blattrosette, Blütenstiel, mit dem zunächst überhängenden Blütenstand, der sich langsam in eine aufrechte Stellung rollt; nur die höchst stehende Blüte öffnet sich.

Im Sommer erheben sich aus der Mitte einige Blütenschäfte (mit Höhen von 5 – 15(20)cm), deren kleine, weiße Blüten sich nur im Sonnenschein für einige Stunden entfalten. Der Blütenschaft mit 4-12 Blütenknospen ist viel länger als die Blätter (Abb. 4).

Rundblättriger Sonnentau: geöffnete Blüte: mit 5 weißen Kronblättern, die 5 weißlichen Staubblätter meist etwas kürzer, 3 Griffeläste ( bis zum Grund zweispaltig), Narbenäste keulig.

Blattspreite 5-10 mm lang und bis 15 mm breit, rundlich, nicht länger als breit, plötzlich in den deutlich abgesetzten, längeren, behaarten Stiel verschmälert (Abb. 6). Die sehr kleinen Samen sind in eine spindelförmige Flughaut („Blasenflieger“) eingeschlossen (Abb. 5)

Rundblättriger Sonnentau: Samen: Schale mehrschichtig, an beiden Enden verlängert und weit vom Kern abstehend.

und werden vom leichtesten Windhauch fortgetragen und ausgesät. Die Samen der Drosera–Arten sind feilspanförmig und besitzen eine schwer benetzbare Hülle. Sie dürften daher wegen ihrer guten Schwimmfähigkeit vielfach auch durch Wasser verbreitet werden. Die kreisrunden (manchmal querelliptisch), schwach muldenförmigen und langgestielten Blattspreiten (Abb. 6, 7)

Rundblättriger Sonnentau: mit inneren und äußeren Tentakeln.
Rundblättriger Sonnentau: Am jungen Laubblatt ist die Blattspreite an ihrem Grunde umgeklappt und an den Stiel angedrückt.

sind auf der Oberseite mit zahlreichen roten, haarähnlichen Tentakeln (= fermentabsondernde Fang-und Verdauungshaare) bedeckt, die vom Rande nach der Mitte zu beständig an Länge abnehmen und von je einem roten Köpfchen gekrönt werden. Da diese eine farblose Flüssigkeit ausscheiden, glänzen sie - wie dies der Name der Pflanze ausdrückt - wie der Tau (gr.droseros = tauig, betaut) in der Morgensonne. Der Rundblättrige Sonnentau besiedelt Bülten der Hoch- und Zwischenmoore, Torfmoosbülten in Flachmooren und tritt dort häufig auf, aber seine Standorte sind selten. In den Alpen steigt die Art bis auf 1800 m. In Österreich kommt er in allen Bundesländern vor, mit Ausnahme von Wien.

Drosera intermedia ( Mittlerer Sonnentau):

Seltenste und kleinste Sonnentauart. Mit faserigen Wurzeln und an den Sprossenden, rosettig gehäuften, aufrecht abstehenden Laubblättern (Abb. 8, 9).

Mittlerer Sonnentau: aufgerichtete Blätter.
längliches Blatt mit „einladenden“ Tentakeln.

Blätter bis 2-5 cm lang, Laubblattspreite meist schmal-keilförmig bis verkehrt eiförmig, 2-3mal so lang wie breit, allmählich in den aufrechten Stiel verschmälert. Der Blattstiel ist kahl. Der Blütenschaft mit 3-8 Blüten, seitlich der Blattrosette entspringend, aus liegendem Grund bogig aufsteigend, 5-10 cm hoch, zur Blütezeit so lang oder nur wenig länger als die Laubblätter, später sich mäßig verlängernd (Abb. 10a).

1. Langblättriger Sonnentau: Blütenstände in der Mitte der Rosette entspringend, aufrecht, blattlos.
2. Mittlerer Sonnentau: Schaft des Blütenstandes unter der Rosette entspringend, aus liegendem Grund bogig aufsteigend, blattlos.

Man findet die Art in Hochmoor – Schlenken, ausgetrockneten Schlenken, Zwischenmooren; im Gegensatz zum Rundblättrigen S. verträgt er Überflutung der Blattrosette, bewältigt starke Nässe und wächst auf zeitweise überschwemmtem, mäßig nährstoffreichem, saurem, oft nacktem Torfschlamm. Der Samen (Abb. 10.a)

Mittlerer Sonnentau: Aufbrechende Samenkapsel mit austretenden Samen.

ist durchwegs sehr klein (Lupe!!!) wie bei allen Drosera- Arten. Die dünne, sehr dicht papillöse Testa(= Samenschale, lat.) liegt dem Samenkern unmittelbar an (Abb. 11).

Mittlerer Sonnentau: Same: mit dichter papillöser Samenschale, die dem Samenkern unmittelbar anliegt.

Verbreitung in Österreich: Oberösterreich, Kärnten, Steiermark, Tirol, Vorarlberg.

Drosera anglica - Langblättriger Sonnentau (Abb. 10a):

Langblättriger Sonnentau: Blütenstände in der Mitte der Rosette entspringend, aufrecht, blattlos.

Ausdauernd, mit faserigen Wurzeln, an den Sprossenden rosettig gedrängte, aufrechte, lang gestielte Laubblätter. Blätter 10 -40mm lang, Spreite lineal-keilförmig, ganz allmählich in den Stiel verschmälert, 4-8 mal so lang wie breit, Blattstiele kahl. Schaft des Blütenstandes mit 3-8 Blüten in der Mitte der Rosette entspringend, aufrecht, Höhe 7-20 cm. Samen durch die an beiden Enden vorgezogene Testa spindelförmig, braun, fein netzmaschig. Man findet die Art zerstreut vor allem in Zwischenmooren, im Bereich von Hochmoorschlenken, seltener auch auf Flachmooren in nassen Lücken, oft im Wasser stehend, meist in Begleitung von Drepanocladus-Scorpidium-Sphagnum-Arten; verträgt geringe Kalkvorkommen in nährstoffreichen Mooren. Verbreitung in Österreich in allen Bundesländern mit Ausnahme von Burgenland und Wien. Sehr stark gefährdete Art. Die drei Drosera- Arten, die in unseren Mooren zu finden sind, lassen sich recht leicht an der Form ihrer Fangblätter unterscheiden. Die Blütezeit der drei Arten ist im Juli und August. Wichtiger Hinweis: Alle Drosera-Arten stehen unter strengem Naturschutz, daher dürfen Pflanzen dem Biotop in der freien Natur nicht entnommen werden.

Die Blütenverhältnisse

Die übergipfelten Blütenstände (Abb. 3, 10a)

der Pflanze des Rundblättrigen Sonnentaus: Blattrosette, Blütenstiel, mit dem zunächst überhängenden Blütenstand, der sich langsam in eine aufrechte Stellung rollt; nur die höchst stehende Blüte öffnet sich.
1. Langblättriger Sonnentau: Blütenstände in der Mitte der Rosette entspringend, aufrecht, blattlos.
2. Mittlerer Sonnentau: Schaft des Blütenstandes unter der Rosette entspringend, aus liegendem Grund bogig aufsteigend, blattlos.

sind in der Jugend schneckenförmig eingerollt, was auf einem stärkerem Wachstum der Oberseite des Blütenschaftes beruht. Das Blühen beginnt mit der Knospe, die der Rosette am Schaft am nächsten liegt. Der Fruchtstand streckt sich gerade, danach öffnet sich nur die eine Blüte zum Licht hin, die im Moment an der höchsten Stelle der Biegung sitzt (Abb. 12).

Mittlerer Sonnentau: nur eine zum Licht hingewendete, geöffnete Blüte an der höchsten Stelle der Biegung („Förderband Prinzip“).

Die Blühphase der unscheinbaren weißen Blüte beginnt etwa um neun Uhr morgens und endet am frühen Nachmittag. Dann rollt sich die Hauptachse weiter auf, bis die verwelkte Blüte zurückgesunken und eine neue an den Gipfelpunkt empor geschoben ist, die sich dann am zweiten Tag öffnet, so dass die Pflanze bei aller Vergänglichkeit der Einzelblüte doch eine auffallend lange Blütezeit erreicht. So entsteht eine Art „Förderband“, bis alle Knospen nacheinander die höchste Stelle eingenommen und geblüht haben und der ganze Stiel senkrecht steht. Auch Regenwetter stört diese Entwicklung nicht, aber die Blüte öffnet sich dann nicht. Bei unseren Arten ist Selbstbestäubung die Regel, doch kommen bei D. rotundifolia neben sich öffnenden (autogamen) Blüten meist auch sich nicht öffnende (kleistogame) Blüten vor. In den winzigen Blüten sind die fünf Narbenlappen, die auf dem eiförmigen Fruchtknoten sitzen, gleichzeitig mit den Staubbeuteln reif. Da beide Organe auf gleicher Höhe stehen und nur einen winzigen Abstand voneinander haben, kann leicht die Selbstbestäubung eintreten (Abb. 13).

Rundblättriger Sonntau: Schema der Selbstbestäubung der Blüte.

Anatomische Einrichtungen in den Vegetationsorganen

Das Blatt ist deutlich in Stiel und Spreite gegliedert. An jungen Laubblättern ist die Blattspreite an ihrem Grunde umgeklappt und dem Stiel angedrückt; die Ränder sind von den Seiten her nach innen gebogen (Abb. 7). Alle Arten besitzen auf der Oberseite und am Rand ihrer Laubblätter sessile Drüsen (Abb. 15, 15 a) und reizbare , krümmungsfähige Tentakeln, die als Fangwerkzeuge für Insekten eingesetzt werden (Abb. 6, 9). Die kreisrunde Blattspreite von D. rotundifolia zeigt einen auffallend zarten Bau. Die Oberhautzellen sind ringsum dünnwandig und besitzen keine Kutikula, Spaltöffnungen (Stomata) finden sich auf der Ober- wie auf der Unterseite. Das innere Gewebe des Blattes besteht aus annähernd würfeligen Zellen, die nur insofern untereinander geringfügige Unterschiede aufweisen, als die Zellen der mittleren Zone sich durch besondere Größe auszeichnen (Abb. 14).

Rundblättriger Sonnentau: Querschnitt durch die Blattspreite; auf Ober-und Unterseite der Blattspreite liegen sessile Drüsen (= SD) und Stomata (= ST).

Auch ansehnliche Lufträume finden sich im Zellverband, ähnlich wie bei Wasserpflanzen. Die Blattspreite ist innen konkav (löffelartig), gegen den Rand zu konvex gekrümmt und mit etwa 200 Tentakeln besetzt. Die inneren Tentakeln sind die kleinsten, die äußeren die längsten (bis 6mm) Abb. 6).

Rundblättriger Sonnentau: mit inneren und äußeren Tentakeln.

Jeder Fangarm besteht aus einem vielzelligen Stiel und einem Köpfchen von eiförmiger Gestalt (Abb. 16, 16 a).

Rundblättriger Sonnentau: Tentakelköpfchen: mit zentraler Tracheide und ellipsenförmigem Bündel von schmalen langgestreckten Zellen, die mit Spiralen verstärkt sind.
Rundblättriger Sonnentau: Schematische Darstellung des Tentakelstiels mit Köpfchen. A = äußere Drüsenzelle, E = eine Art Endodermis, T = Tracheidenendigungen, MV = leistenförmige Membranverdickungen

Der Tentakelstiel wird von einer einzelnen Spiraltracheide zentral durchlaufen, welche die sezernierenden (= absondernde) Zellen ausreichend mit Wasser versorgt (Abb. 17).

Rundblättriger Sonnentau: Längsschnitt des Tentakelstiels mit zentraler Tracheide.

An diese zentrale Tracheide schließt sich ein längliches, ellipsenförmiges Bündel von schmalen, langgestreckten Zellen an. Die Wandzellen sind mit Spiralen verstärkt und bilden den Mittelpunkt des Tentakelköpfchens. Der Endkolben im Köpfchen ist mit einer Schicht kleiner, an den Radialwänden und teilweise auch an den Innenwänden kutinisierten Zellen (eine Art Endodermis) umgeben. Um diese Zellen lagern noch zwei weitere Zellschichten – eine Art Parenchymhaube –, deren äußere von langgestreckten, Sekret abscheidenden Drüsen gebildet wird. Das von diesen Zellen abgesonderte Sekret enthält ein eiweißlösendes Ferment. Deren Außenwände zeigen nach innen vorragende, leistenförmige Membranverdickungen (Abb. 18; vergleiche Abb. 16 a).

Längsschnitt durch das Tentakelköpfchen: Außenzellen : Ihre Außenwände zeigen nach innen vorragende, MV = leistenförmige Membranverdickungen.
Rundblättriger Sonnentau: Schematische Darstellung des Tentakelstiels mit Köpfchen. A = äußere Drüsenzelle, E = eine Art Endodermis, T = Tracheidenendigungen, MV = leistenförmige Membranverdickungen

Bei der mikroskopischen Untersuchung fällt im inneren Bereich sofort die in Papillen aufgelöste Oberfläche auf (Abb. 19), die der Reizempfindung dient. Außer den Tentakeldrüsen besitzt Drosera, auf die Blätter und auf Abschnitte der Tentakelstiele verteilt, sessile Drüsen (Abb. 15 a, 20),

Rundblättriger Sonnentau: Blattspreite mit sessiler Drüse im Zentrum, umgeben von einigen Stomata. Sudan IV und Eau de Javelle.
Rundblättriger Sonnentau: Abschnitt eines Tentakelstiels mit sessilen Drüsen in Draufsicht und Seitenansicht.

die wahrscheinlich bei der Reizleitung mitwirken.

Der Insektenfang

Die Fangtechnik der Sonnentau-Arten ist einfach und leicht zu durchschauen. Wie beim Fliegenfänger früherer Zeiten werden die Insekten angelockt. Die Köpfchen der Drüsenhaare sondern eine klebrige Schleimsubstanz ab. Wie Tau- oder Nektartröpfchen glänzen sie in der Sonne und verführen Insekten dazu, sich niederzulassen. Die blutrote Farbe (Abb. 21)

Rundblättriger Sonnentau: „Blutrotes“ Sonnentaublatt mit leuchtenden „Tautropfen“, ein beliebtes Anflugsziel der Insekten.

trägt dazu bei, dass sie von Fliegen gerne angeflogen wird, weil sie dahinter ein Stück Fleisch, den idealen Ort der Eiablage, vermuten. Haben sich Insekten, die größer sein können als das Blatt, wie kleine Libellen, Schmetterlinge und Spinnen auf der Pflanze niedergelassen, gibt es kein Entrinnen mehr - sie sind unrettbar verloren. Nun wird der Fangmechanismus der Pflanze in Gang gesetzt. Aus Gustav Hegi, Flora von Mitteleuropa: „Kommt ein Tier mit einer oder mehreren Tentakeln in Berührung, so klebt es an dem ausgeschiedenen Leimtropfen fest. Nach kurzer Zeit biegt sich der Tentakel an der Basis ab gegen die Blattmitte zu. Der durch das Tier ausgeübte Reiz pflanzt sich zuerst zu den nächststehenden, dann zu den entfernteren Tentakeln fort, die alle die gleiche Bewegung gegen die Blattmitte ausführen und so das Tier überdecken und gegen die kurzen zentralen Tentakel pressen. Wird nur das Zentrum gereizt, so krümmen sich die peripheren Tentakel gleichfalls ein und legen sich über das Tier, ja im Notfall beteiligt sich sogar die Blattspreite an der Einrollung, um eine vollkommene Umschließung des Beutetiers zu bewirken (Abb. 22).

„Sicherer Tod im Moor“. Ein Mittleres Sonnentaublatt gibt das Insekt nicht mehr frei.

Es handelt sich hier um eine Reizleitung von gereizten zu ungereizten Geweben, wie sie uns aus dem Tierreich geläufig ist. Dass es sich jedoch nicht um ein Reagieren auf einen mechanischen, sondern auf einen chemischen Reiz handelt, geht daraus hervor, dass diese Krümmungserscheinungen bei einer Berührung mit „unverdaulichen“ Körpern (z:B.Glas, Knochen, Steinchen) nicht eintreten. Es wird dies darauf zurückgeführt, dass die gleichzeitig mit dem Schleim ausgeschiedene Ameisensäure Spuren von tierischem Eiweiß zu lösen vermag und dass diese Lösung den chemischen Reiz ausübt (nach Darwin wirken auch Phosphate, ätherische Öle Ammoniaksalze).Dadurch wird aber die Drüse gleichzeitig zur Produktion des Verdauungssaftes, eines eiweiß-lösenden, zähflüssigen Fermentes , das mit dem tierischen Magensaft Ähnlichkeit hat, angeregt. Die Aufsaugung der gelösten Eiweißkörper, ohne die von einer echten Carnivorie nicht gesprochen werden kann, geschieht wiederum durch die gleichen Drüsen und ist in 1 bis mehreren Tagen beendet. Dann krümmen sich die Tentakel wieder in ihre alte Lage zurück, und die Schleimsekretion setzt von neuem ein. Die geleerten Drüsen füllen sich im Verlauf von 2 bis 3 Tagen erneut mit dem farblosen, schwach sauren Sekret“. Es ist anzunehmen, dass der Sonnentau durch den Tierfang die Stickstoffmenge erwirbt, die ihm der nährstoffarme Moorboden und das schwach entwickelte Wurzelsystem nicht zu liefern vermögen. Nur der unverdauliche Chitinpanzer bleibt auf dem Blatt zurück, der früher oder später vom Wind verweht wird (Abb. 23).

Die Chitinpanzer der Spinnen warten auf die Entsorgung durch den Wind.

Drosera intermedia ist der erfolgreichste, aber auch der kleinste Insektenfänger aus der Familie. Wenn man ihn in seinem natürlichen Lebensraum entdecken will, so darf man die Gummistiefel nicht vergessen. Er lebt, wie schon beschrieben, in den feuchtesten Bereichen der Torfmoore, in den Lücken der Torfmoosdecken, wo der nackte Torfmoosschlamm frei zutage tritt. Auf diesem von ihm bevorzugten Standort wächst er herdenweise ganz dicht beisammen, eine Pflanze unterstützt die andere, um große Schmetterlinge, fingerlange Wasserjungfern, Springschwänze, große Rinderbremsen zu bewältigen. An Erfolg im Insektenfang übertrifft der mittlere Sonnentau die beiden anderen Sonnentau-Arten. Er hebt die Blätter in die Höhe; beim Erbeuten der Tiere wirken meist mehrere Blätter zusammen. Er kann deshalb auch mit größeren Insekten als der Rundblättrige Sonnentau fertig werden. Für die 2-4 cm hohen Pflänzchen, deren Blätter 7-10 Millimeter messen, ist das eine beachtliche Leistung im Kampf der Zwerge im Pflanzenreich gegen die Riesen der Insektenwelt. Die Leistungsfähigkeit dieser Art erkennt man, wenn man das Zappeln und Flügelschlagen der Beutetiere einmal gesehen hat. Die purpurroten Blattbüschel mit ihren unzähligen „kristallklaren Perlen“ an den Tentakeln bringen bei einem günstigen Stand der Sonne ein prächtiges Farbenspiel hervor, das den Moorwanderer immer wieder fasziniert. Diese Farbenpracht kommt natürlich im Rahmen des schwarzen Torfschlammes eindrucksvoll zur Wirkung - ein unvergessliches Erlebnis für den Moorfreund.

Kultivieren einheimischer Drosera – Arten

Das Naturschutzgesetz verbietet streng die Entnahme von Sonnentau-Pflanzen aus einem Biotop in der freien Natur. Der Mikroskopiker braucht dennoch nicht auf die Beobachtung, Herstellen von Präparaten, Makro- und Mikrofotografie verzichten, weil unsere heimischen Sonnentau-Arten leicht in Gärtnereien oder im Internethandel zu beziehen sind. Worauf ist besonders zu achten bei der Haltung im Garten oder am Balkon zu Hause? Geeignete Pflanzgefäße: - Die Töpfe sollen aus Plastik (keine Tontöpfe) sein.- Es sind große Gefäße( mit Abzugslöchern, damit keine Staunässe entsteht) mit tiefem Untersetzer nötig, auch wenn sie im Verhältnis zur Größe der Pflanzen überproportional wirken. Substrat:- Eine Mischung aus 70% Weißtorf, 30% Sand (Quarzsand aus der Zoohandlung). Die fertige Mischung ist in Baumärkten, Gärtnereien zu beziehen. Weißtorf ist entstanden aus der Zersetzung der Torfmoose; sein pH- Wert liegt im sauren Bereich zwischen 3,5 und 4,5. Nicht geeignet ist Schwarztorf: hervorgegangen aus der Zersetzung von Laubmoosen; sein pH- Wert ist eher alkalisch und liegt über 7. - Wasser zum Gießen: kein Mineralwasser!, sondern möglichst Wasser aus der Regentonne oder destilliertes Wasser. Giessregel: Von Anfang November bis Ende April: Kein Wasser im Untersetzer, Substrat nur mäßig feucht halten, am Finger muß Feuchtigkeit haften bleiben. In dieser Zeit erfolgt das Gießen direkt auf die Erde. Von Anfang Mai bis Ende Oktober: Lassen Sie im Topf ständig 2 bis 3 cm Wasser stehen. Gießen Sie in dieser Zeit die Pflanze niemals von oben. Rundblättriger Sonnentau: In den Topf die oben angeführte Weißtorfmischung ( sehr feucht) und abdecken mit einem Torfmoospolster ( Sphagnum papillosum oder S. palustre, Vertreter der Acutifolia- Sektion); braucht einen sonnigen Platz im Freiland. Mittlerer- und Langblättriger Sonnentau: Keine Auflage von Torfmoospolster; die Pflanze wird in das reine Substrat der oben angeführten Mischung gesetzt. Überlassen Sie die Pflanze weitgehend dem Klima des Freilandes ( Sonne !), aber achten Sie darauf, dass das Substrat sumpfig-feucht bleibt. Aussaat der Samen: Diese Methode ergibt bei frischen Samen eine hohe Pflanzenanzahl. Sie erfolgt im Frühjahr oder Herbst. Man verwendet dazu flache Behälter mit Abzugslöchern, die ständig in Wasser stehen. Sie werden mit geeignetem Substrat (70% Weißtorf mit 30% Sand) ins Helle gestellt. Der Sonnentau ist ein Lichtkeimer, daher wird er nicht mit Substrat bedeckt.

Schlussbemerkung

Eine Langzeitbeobachtung einer Sonnentau-Kultur im eigenen Garten oder eine Moorwanderung ist sicher ein schönes und spannendes Erlebnis für Freizeit-Mikroskopiker und Naturfreunde. In diese Beobachtungen und Wanderungen sollten auch Schüler und Jugendliche eingebunden werden, um die Neugier an der Mikroskopie zu wecken. Es wäre wünschenswert, dass ein recht großer Teil unserer Jugend im Verlauf der Schulzeit das tiefe Erlebnis einer Wanderung durch das Moor erfährt. Dabei soll nicht nur gezielt über die Vielfalt des Lebensraumes informiert werden; ebenso wichtig ist es, in ihnen das Gefühl der Mitverantwortung gegenüber der Umwelt und ganz besonders in Bezug auf die Erhaltung und Pflege eines Naturschutzgebietes zu wecken.

Literaturhinweise

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Fischer, M. A., Adler, W., Oswald K.: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der OÖ Landesmuseen, Linz 2005.

Hegi, G.: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Band IV/2.Teil,Teilband A. Carl Hanser Verlag, München 1961.

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Verfasser:
Bruno Ortner,
Pyrawang 44, A-4092 Esternberg
Österreich
E-Mail: brunoortner@A1.net