Zieralgen - Kleinodien am Wegesrand
Prof. Rupert Lenzenweger

Bei Wanderungen durch heimische Waldgebiete kommt man gar nicht selten, oft sogar direkt neben einem Weg oder einer Forststraße, an feuchten, von Torfmoosen (Sphagnum) bewachsenen Stellen vorbei, unbeachtet von den Wanderern, aber eine wahre Fundgrube für die Mikroskopiker, denn gerade in den Tümpeln solcher, oft nur kleinflächiger Stellen, kann man Zieralgen (Desmidiaceen) finden.

In der Taxonomie der Algen wurden diese bisher den Grünalgen zugeordnet und wegen ihrer besonderen Modalität der geschlechtlichen Fortpflanzung, nämlich der Konjugation, zur Ordnung der Konjugaten. Neuere genetische Untersuchungen stellen diese Einordnung allerdings in Zweifel, denn es wurden genetische Merkmale gefunden, die sie in Zusammenhang mit den Armleuchteralgen bringen. Den schmeichelhaften Namen „Zier- oder Schmuckalgen“ verdanken diese einzelligen Algen ihren auffallend symmetrischen Formen, die hauptsächlich dadurch zustande kommen, dass ihre Zellen aus zwei spiegelbildgleichen Zellhälften gebildet werden, die in der Zellmitte durch einen mehr oder weniger tiefen Einschnitt voneinander getrennt, durch einen meist kleinen Steg (Isthmus) zusammenhängen, in diesem Bereich der Zelle befindet sich übrigens auch der Zellkern.

Da die Zellhälften in der Regel durch weitere seitliche Einschnitte auch noch zusätzlich zerschlitzt sind, wird die Assoziation mit einem Schmuckstück, etwa einer Brosche, noch verstärkt und macht auch verständlich, warum sich viele Generationen von Mikroskopikern an ihnen begeistert konnten und sicherlich aus diesem Grund hat ihnen auch ERNST HAECKEL (1834 – 1919) in seinem berühmten Tafelwerk „Kunstformen der Natur“ eine ganze Seite gewidmet.

Zieralgen stellen in der Regel an ihre Lebensräume recht spezifische Anforderungen, in erster Linie sind dies geringer Nährstoffgehalt und ein meist schwach saurer Säuregrad (Ph-Wert). Gerade solche Bedingungen herrschen vornehmlich in den unterschiedlichsten Moortypen, aber auch in Randbereichen von Moor – und Gebirgsseen, in flachen Waldtümpeln und Feuchtwiesen und so entfalten sie gerade in diesem Milieu ihren größten Artenreichtum. Die Vermehrung

der Desmidiaceen erfolgt durch einfache Zellteilung. Nach der vegetativen Teilung des Zellkernes wird zwischen den beiden Kernen als Trennwand ein so genanntes Septum eingeschoben, aus dessen Wachstum in der weiteren Folge die Primärwand der neuen Zellhälften gebildet wird. Dies geschieht dadurch, dass durch Anlagerung von Wandmaterial sich dieses beiderseits blasenförmig aufwölbt und in der Folge weiter vergrößert.

Durch Reduzierung der Anlagerungen an bestimmten Stellen kommt es allmählich auch zur Bildung der seitlichen und polaren Einschnitte, so dass sich im weiteren Verlauf des Wachstums die charakteristische Form der neuen Zellhälften herausbildet. Nach Ausbildung der Sekundärwand wird die Primärwand abgestoßen und die Zellteilung ist damit abgeschlossen

wobei nun jede Desmidiaceenzelle aus zwei ungleich alten Zellhälften besteht. Mit etwas Glück kann man eine solche Zellteilung life unter dem Mikroskop verfolgen. Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung werden keine speziellen beweglichen Geschlechtszellen ausgebildet, sondern die Zellen selbst werden zu Gameten. Das Endprodukt einer Konjugation ist eine Zygospore, bei deren Keimung 2 Keimlinge gebildet werden, aus denen dann nach weiteren Teilungen artspezifische Zellen hervorgehen.

Zieralgen reagieren auf chemische und physikalische Umweltfaktoren meist recht differenziert. Zwar gibt es sowohl tolerante, allgemein verbreitete Arten als auch weniger tolerante Arten. Letzteres trifft in erster Linie auf solche zu, die unter besonders extremen Standortbedingungen (z. B. stark saure pH –Werte ) vorkommen. Und so findet man daher unter solchen fast immer ganz spezielle, individuenreiche Populationen einer einzigen oder

nur weniger Arten, die eben an ein solches Milieu angepasst sind und gerade da ihre optimalen Lebensbedingungen vorfinden. Ein Beispiel dafür sind die erwähnten Waldtümpel mit einem pH-Wert um 5,5 bis 6, in denen sowohl Micrasterias rotata als auch Micrasterias truncata fast das ganze Jahr über massenhaft vorkommen und am Grund der seichten Kleingewässer einen deutlichen, grünlichen Belag bilden. Entnimmt man etwas von dem Bodengrund und betrachtet ihn unter einer guten Lupe, so sind einzelne Algenzellen schon als winzig kleine, grüne Scheibchen erkennbar. Die zwischen 200 µm und 300 µm großen Zellen sind durch tiefe Einschnitte gegliedert und ein tiefer Einschnitt in der Zellmitte teilt die Zellen eben in die zwei spiegelbildgleichen Zellhälften. Es lohnt sich also fast immer von solchen Tümpeln am Wegesrand zum Mikroskopieren etwas mit nach Hause zu nehmen. Zum Sammeln haben sich Pipetten oder Einwegspritzen besten bewährt und wenn man das Glas mit der Algenprobe an ein Fenster ohne direkte Sonnenbestrahlung stellt, kann man die Algen monatelang lebend erhalten und hat damit stets schönes und interessantes Untersuchungsmaterial zur Verfügung. Mit etwas Glück kann man darin sogar sich teilende Zellen finden und so den Verlauf einer solchen Zellteilung life mitverfolgen.